Mit dem Van über Weihnachten ans Nordkap – Teil 9

Alles Gute kommt von oben. Während die Reise bisher frei von dramatischen Zwischenfällen war, musste irgendwann etwas passieren.

Unverhofft kommt oft, oder wie sagt man so schön. Als wir am Morgen in Alta aufwachen, wissen wir noch nicht, dass es dieser Tag in sich haben würde. Aber schön der Reihe nach.

Wir hatten uns gestern extra den Wecker gestellt. So schnell kommen wir nicht mehr nach Alta, also wollen wir unbedingt das Altamuseeum besichtigen. Bei dem bekanntesten Museum nördlich des Polarkreises handelt es sich um ein Freilichtmuseum. Die steinzeitlichen Felsritzungen, die man in Form eines Rundgangs auf dem Außengelände besichtigen kann, lassen sich auf bis zu 6500 Jahre zurückdatieren. Die Suche bei Google am Vortag hat ergeben, dass das Museum ab acht Uhr geöffnet ist. Da wir heute aber noch das letzte Stück zum Nordkap zurücklegen wollen, stehen wir schon um sieben auf. Schnell einen Kaffee, noch kurz über die Aussicht schwärmen und dann alles zusammenpacken und los.

Bis zu dem Museum sind es nur knapp zehn Minuten von unserem Schlafplatz aus. Als wir um fünf vor acht auf den großen Parkplatz fahren, sind wir schon etwas verwundert, dass nur ein einziges Fahrzeug in der Nähe des Eingangs geparkt steht.

Wir manövrieren den Van über die geschlossene Schneedecke und parken ein kleines Stück vom Eingang entfernt. Links von uns, sehen wir ein Schild, was wie wir finden irgendwie lustig klingt, wenn man es versucht mit einem gespielt norwegischen Dialekt auszusprechen.

Behindertenparkplatz Norwegen

Während wir kurz darüber reden, dass die Bezeichnung „funktionsgehemmt“ wesentlich besser klingt, als „behindert“, laufen wir zum Eingang des Museums. Licht brennt, die Tür öffnet sich auch und wir stehen in einer Eingangshalle mit Restaurant und Souvenirshop. Vor uns befindet sich eine Glasfront mit Drehtür, durch die man offensichtlich in das Freilichtmuseum gelangt. Aus der Küche des Restaurants kommt eine junge Frau, die gehört hat, dass jemand im Museum ist. Ein paar Sätze auf Englisch und es wird recht schnell klar, dass es die falsche Jahreszeit ist, sich Felszeichnungen anzuschauen. Wie wir erfahren ist der Außenbereich des Museums über die Wintermonate geschlossen, da die meisten Artefakte vom Schnee bedeckt sind.

Ich sage es mal so, wenn Du irgendwann mal über dreitausend Kilometer an irgendeinen Ort gefahren bist und dann eine der Hauptattraktionen geschlossen ist, ist Enttäuschung vielleicht das falsche Wort, für das was Du empfindest. Kathy findet es nicht ganz so schlimm und ist rasch im Badezimmer des Museums verschwunden. In der Zwischenzeit schaue ich mir die Souvenirs an und bin fasziniert für was man als Tourist alles Geld auszugeben bereit ist.

Positives Denken: Wir sind so früh wie nie unterwegs und kommen zeitig und mit etwas Tageslicht zum Nordkap.

Auf dem Parkplatz vor dem Museum gibt es erstmal ein kleines Frühstück. Wir hatten am Vortag Brot und etwas Wurst und Käse eingekauft. Auch die norwegischen Pasten, die es in allen denkbaren Geschmacksrichtungen aus der Alutube gibt, gehören inzwischen als Brotaufstrich zum festen Kücheninventar.

Kathy sitzt heute am Steuer, da ich noch ein paar Sachen am Laptop machen möchte. Wir fahren noch kurz in die entgegengesetzte Richtung aus Alta raus, da wir bei einer kurzen Tour am Vorabend gesehen haben, dass es am anderen Ende einen schönen Fotospot gibt.

Ausblick aufs Meer und die Lichter der Stadt Alta

Ein paar schöne Bilder einfangen und dann geht’s los. Die letzten 230 Kilometer warten darauf gefahren zu werden. Wir hatten uns bisher nie einen Wetterbericht vor unseren Fahrten angeschaut und so handhaben wir es auch heute.

Wir fahren ein Stück auf der Landstraße aus Alta raus und sind von den Farben und der Natur fasziniert. Leider sind wir meist bei Dunkelheit gefahren und nehmen heute erst wirklich wahr, wie schön die Umgebung auch beim Fahren aussieht.

Klippen, Berge, Schnee, Meer die Natur von Alta in Norwegen

So stehen wir nach ein paar Kilometern schon wieder am nächsten Spot um ein paar Bilder zu machen. Jetzt aber wirklich los. Wir fahren aus der Region Alta raus und je weiter wir richtung Norden fahren, umso verschneiter werden die Straßen.

Verschneite Straßen richtung Nordkap

Verschneite Straßen waren aber bisher nie das Problem. Solange man nicht versucht zu bremsen, sondern vorausschauend fährt, verhält es sich wie auf ganz normalen Straßen. Man kann tatsächlich mit 100km/h problemlos über die Landstraßen schießen, ohne das Gefühl zu haben, dass sich unter den Rändern nur Schnee oder Eis befindet.

Allerdings verschlechtert sich die Wetterlage, je näher wir der Küste kommen. Von ursprünglich stabilen -6°C kommen wir nun zu 0°C und teilweise sogar +1°C und höher. Wo sich nun jede Frostbeule über steigende Temperaturen freuen wird, wird es für die Fahrphysik kritisch. Bei diesen Temperaturen beginnt die obere Schicht auf der Straße zu tauen, während aber der Untergrund weiterhin gefroren ist. Aus dem Ganzen wird mit einsetzendem Schneeregen eine spiegelglatte Schicht, die nicht mehr so einfach zu handeln ist. Hinzu kommt die Dunkelheit, die das Ganze zusätzlich erschwert. Auf der Höhe von Kafjord passiert es dann. Wir sehen Licher vor uns, und eine Schlange von Autos, die vor einer Vollsperrung stehen.

Inzwischen ist mehr als eine Stunde vergangen. Wir sind heilfroh, dass wir unsere Standheizung haben. Obwohl es um die 0°C hat, lassen die aufpeitschenden Windböen den Van recht schnell auskühlen. Inzwischen haben wir alles an schlechtem Wetter. Regen, Schneeregen, Blitzeis und Sturmböen, die so stark sind, dass sie den Van zum Wanken bringen.

Selten war ich als Beifahrer so angespannt. Die letzten hundert Kilometer sind die Hölle.

Vereiste Straßen bei Dunkelheit

Kathy hatte sich versucht die letzten Tage an den Van zu gewöhnen. Inzwischen fährt sie eigentlich ziemlich sicher und kommt auch mit der Breite des Vans gut zurecht.

Während ein Mann mit Warnweste an den wartenden Autos vorbei läuft und an jedem Fahrerfenster kurz mit den Fahrern spricht, starten wir schon mal den Motor. Die ersten Autos fahren bereits los, als der Norweger, dem wohl eins der Abschleppfahrzeuge gehört, an unser Fenster tritt. In schwer verständlichem Englisch teilt er uns mit, dass wir in der Kurve die nun kommt unbedingt auf die Gegenfahrspur fahren müssen. Ohne zu wissen, was uns erwartet, fahren wir los. Während die Straße steil abfällt, sehen wir auf der gegenüberliegenden Seite Fahrzeuge warten, die aus der entgegengesetzten Richtung an die Unfallstelle herangefahren sind. Langsam fahren wir hinter den anderen Autos mit ausreichendem Abstand her. Die Straße ist eine Eisfläche, in der sich die Rücklichter und Scheinwerfer spiegeln.

Auf unserem Navi sehen wir, dass es sich um eine weit auslaufende Rechtskurve handelt, auf die wir gerade zufahren. Im Bogen der Kurve liegt ein kurzer Landabschnitt, der sofort ins Meer verläuft. Als die Kurve vor uns auftaucht sehen wir was passiert ist. Offensichtlich war ein Bus im Scheitel der Kurve abgerutscht und hatte ein anderes Fahrzeug der Gegenfahrbahn mit abgedrängt. Beide hingen nun am Rand der Straße und hatten es geschafft kurz vor dem Hang zum Stehen zu kommen. Offensichtlich war niemand verletzt. Allerdings schafften sie es nicht aus eigener Kraft wieder von der Eisfläche zu kommen.

Wir fahren langsam an dem Geschehen vorbei. Während wir die Kurve hinter uns lassen, wird das Wetter immer schlechter. Der Schneeregen nimmt zu und die Windböen peitschen die weißen Flocken von links nach rechts durch die Luft. Ich sehe wie Kathy Mühe hat den Van in der Spur zu halten. Auf die Frage ob wir tauschen sollen oder vielleicht sogar irgendwo anhalten bis das Wetter besser wird entgegnet Kathy: „Das ist meine Aufgabe, die ich meistern möchte. Ich will das schaffen und die letzte Etappe durchfahren.“

Alle Zuversicht in Ehren, aber auf dem Beifahrersitzt kann man sich bei diesem Wetter und den Straßenverhältnissen nur schwer entspannen. Während die Straßen immer kurvenreicher werden und wir auf dem Navi sehen, dass sich rechts von uns direkt das Meer befindet, fahren wir mit 50km/h über richtung Nordkapp. Ein paar kürzere und ein ziemlich langer Tunnel gönnen uns eine Auszeit von der Anspannung. Ich habe es mit den Ruhepunkten beim „Heißen Draht“ verglichen. Immer wenn Du einen Abschnitt geschafft hast, darfst Du kurz durchatmen. So verhält es sich mit den Tunneln, die mit einer Schleuse vor den wechselnden Wetterlagen der Nordkapregion geschützt sind. Immer wenn sich einer der Tunnelschleusen öffnet, atmen wir durch und sind froh ein Stück darin voran zu kommen.

Endlich wieder Zivilisation und nur noch wenige Kilometer zum Ziel.

Wenige Kilometer vor Honningsvag wird das Wetter etwas besser. Es macht einen großen Unterschied, ob man direkt am Wasser fährt oder einen Abschnitt schützender Landmasse neben sich hat. Als wir in Honningsvag ankommen ist es bereits kurz vor sechs. Wir fahren durch den Ort und schauen ob es eine nette Bar oder ein Restaurant gibt, wo wir uns hinsetzen und etwas runterkommen können. Aber eigentlich hätten wir es aufgrund unserer bisherigen Erfahrung ahnen können. Alle Geschäfte sind geschlossen und die Lokale der Stadt haben sich offensichtlich auch für die Wintermonate eine Auszeit gegönnt.

Wir brechen die Erkundung ab und fahren weiter richtung Skarsvag. Kurz vor dem nördlichsten Fischerdorf Europas sehen wir die geschlossene Schranke zum Nordkap. Dort wollen wir morgen hoch. Da Skarsvag kleiner als Honningsvag ist, versuchen wir bei unserer Ankunft erst gar nicht irgend ein Lokal zu finden. Wir fahren auf einen großen Parkplatz direkt am Wasser und parken hinter einem Wohnmobil, was ebenfalls aus Deutschland kommt. Beim Blick durch die Heckscheibe des umgebauten Reisebuses sehen wir die Frau emsig an der Küchenzeile arbeiten, während ihr Mann einen Platz auf der Bank gefunden hat und ihr zuschaut.

Kai in Norwegen vor dem Nordkap.

Wir dunkeln unsere Fenster mit den Bademattenisolierungen ab und hoffen, dass wir nicht einfach vom Wind ins Meer gepustet werden. Noch schnell etwas zu essen und einen Film, während ich noch etwas am Laptop arbeite. Hoffentlich wird das Wetter morgen besser, damit wir durch die Schranke zum Nordkap fahren können.

Die Nacht wird ungemütlich und kalt. Wir hören Eisregen auf das Dach des Van prasseln und der Wind lässt unentwegt den Van von links nach rechts schaukeln. Ein paar Tage später hören wir von einem Unwetter, was für Chaos in Dänemark gesorgt hat und von Skandinavien über Europa gezogen ist.

Hattest Du schon mal eine Situation, in der Du nicht wusstest ob Du weiterfahren sollst, oder besser irgendwo stehen bleibst? Wie hättest Du gehandelt? Weiterfahren oder hättest Du gewartet bis das Wetter besser wird? Schreib uns in den Kommentaren, wie Dir unser Nordkaptripp gefällt und was Du so denkst.

Hast Du den vorherigen Teil verpasst, dann schau mal hier. Wenn Du den nächsten Teil unserer Reise lesen magst, dann geht es hier weiter.

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