Mit dem Van über Weihnachten ans Nordkap – Teil 7

Unsere Homebase in Alta. Eine schöne kleine Stadt, in der wir einen Platz direkt am Strand für zwei Tage unser Zuhause nennen.


Mit dem Van zu reisen und eine solche Strecke zum Nordkap zu bewältigen bedeutet, dass man eigentlich täglich den Standort wechselt. Je länger man auf den Straßen unterwegs ist und an den verschiedensten Orten Halt macht, umso mehr wünscht man sich auch Momente in denen man sich an einem Ort zu Hause fühlt.

Als wir den Pallas-Yllästunturi-Nationalpark in Finnland verlassen ist es bereits dunkel. Finnland ist zwar wunderschön, aber wir haben die Kürze der Tage gepaart mit einer Stunde Zeitverschiebung deutlich unterschätzt. So gerne wir uns auch noch ein paar Ecken in der Region bei Tageslicht anschauen würden, wir müssen weiter.

Wir öffnen unsere Karte und überlegen was ein geeigneter Ausgangspunkt vor der letzten großen Etappe zum Nordkap wäre. Da wir nun auch schon sechs Tage unterwegs sind und im Schnitt täglich fünfhundert Kilometer fahren, entscheiden wir uns für die norwegische Stadt Alta.

Verschneite Straße in Skandinavien

Knappe vier Stunden Fahrt werden uns angezeigt, als wir um 15:30 Uhr vom verschneiten Parkplatz losfahren. Kathy fühlt sich nach der Dusche auf der Toilette in dem kleinen Laden taufrisch und klemmt sich hinter das Steuer. Ich sitze auf dem Beifahrersitz, habe den Laptop vor mir und versuche einen weiteren Artikel unseres Blogs fertigzustellen. Die nächsten 4 Stunden erwarten uns anspruchsvolle Straßenverhältnisse und entgegenkommende Autos, die mit zusätzlichem Fernlicht vor dem Kühlergrill das fehlende Tageslicht zu ersetzen versuchen. Im Gegensatz zu den Lichtinstallationen der Einheimischen wirkt unser Fernlicht, als hätten wir zwei Teelichter in die Scheinwerfer gestellt.

Schlechte Straßen und Gigaliner erschweren das Vorankommen.

Während wir mit unserem romantischen Kerzenlicht die Wälder links und rechts der Straße erhellen, verwandelt sich die Straße auf der wir fahren immer mehr in eine Holperstrecke. Uns war schon beim Übergang von Schweden nach Finnland aufgefallen, dass gerade die Straßenränder immer schlechter werden. Nun scheint aber die gesamte Straße unter den überlangen Lastwagen gelitten zu haben.

Neben den Straßenschäden führt der Schnee, den die sogenannten EuroCombis aufwirbeln zur absoluten Blindheit. Jedesmal, wenn wir in der Ferne einen der Sechzigtonner kommen sehen, werden wir extrem langsam. Wir warten bis die 25,25 Meter auf sechzehn Rädern an uns vorbei gezogen sind und sich der Schneesturm gelegt hat. Dann setzen wir die Fahrt weiter fort.

Anfänglich hatte es etwas geschneit. Hat man den Dreh mit den Straßenverhältnissen erstmal raus, kann man durchaus ganz normal mit 100km/h auf den Landstraßen vorankommen. Je näher wir aber dem Gebirgspass von Masi nach Eiby kommen, umso wärmer wird es. Aus dem anfänglichen Schneefall wird nun Regen. Das Wasser gefriert sofort auf dem Schnee, der die Fahrspur bedeckt und bildet eine unberechenbare Eisfläche.

Eine Schrecksekunde auf dem Gebirgspass, die auch böse hätte Enden können.

Inzwischen kann ich mich nicht mehr auf das Schreiben konzentrieren. Die Straßenverhältnisse sind schlechter als erwartet, dazu kommen Dunkelheit und Glätte. Den schwierigsten Teil haben wir noch vor uns. Der norwegische Gebirgspass, der uns aus Finnland kommend noch von Alta trennt.

Die Schranken, die bei schlechten Wetterverhältnissen vermutlich geschlossen sind, sind offen. Kathy wird bei der Durchfahrt etwas langsamer und schaltet einen Gang zurück. Die Passstraße ist enger als die Landstraße zuvor. An den Seiten erkennen wir, dass die Berge weit nach oben reichen, wahrend wir eine Kurve nach der anderen nehmen.

Wie man weiß haben Auffahrten bei Passstraßen eine ganz spezielle Besonderheit. Sie führen auch irgendwann wieder nach unten. Vorsichtig fahren wir vom höchsten Punkt Richtung Tal. Norweger und Finnen, die ungeduldig werden, da wir vorsichtig versuchen die Passage zu durchqueren, geben wir immer an geeigneter Stelle die Möglichkeit zu überholen.

Im Gegensatz zu einem normalen PKW muss man bei dem Van beachten, dass 2,5-3 Tonnen den Berg runter wollen. Bei glatten Straßen eine wirkliche Herausforderung. In einer scharfen Linkskurve passiert es dann. Kathy hatte nicht mit der Kurve gerechnet und der Van kommt ins Rutschen. Das Heck bricht etwas aus und wir rutschen in der schräg abfallenden Kurve auf die Gegenspur. Obwohl uns die ganze Zeit recht viel Verkehr entgegenkam, ist genau in diesem Moment kein Auto in Sicht. Im Sekundenbruchteil schafft es Kathy den Van abzufangen und wieder sicher in unsere Spur zu lenken.

Ich glaube mir ist in diesem Moment das Herz mehr als nur in die Hose gerutsch. Ich habe uns schon durch die kleine Steinmauer brechen und in die Schlucht neben uns stürzen sehen. Zum Glück ist alles gut gegangen und es ist nichts weiter passiert.

Es dauert einen Moment, bis wir beide wieder in der Lage sind zu sprechen. Das erste was wir sagen ist: „Das war aber knapp.“ Wir setzen die fahrt noch etwas langsamer als zuvor fort und kommen ohne weitere Zwischenfälle nach Alta.

Unser Zuhause für die nächsten zwei Tage. Erstmal umbauen hier.

Ich habe über Park4Night einen passenden Platz in Alta gefunden, wo wir die Nacht verbringen können. In der Beschreibung lese ich „Schöner ruhiger aussichtsreicher Platz nicht weit von Alta direkt am Wasser. Es gibt eine Toilette und eine überdachte Bank mit Feuerstelle. Mülltonne ist ebenfalls vorhanden.

Dieser Platz klingt perfekt und ist auch ein idealer Ausgangspunkt uns ein wenig die Stadt anzuschauen. Als wir von der Hauptstraße abbiegen, kommen wir an ein paar Hafengebäuden vorbei und fahren weiter durch ein kleines Wohngebiet. Wir sind von den Häusern im norwegischen Stil begeistert. Offensichtlich haben sich nicht nur die kleinen Dörfchen und Städte durch die wir bisher gefahren sind, sehr viel Mühe bei der Weihnachtsdekoration gegeben. Jedes einzelne Haus, an dem wir vorbei kommen ist liebevoll dekoriert und stilvoll beleuchtet.

Wir biegen in einen Feldweg ein. Offensichtlich sind wir seit Tagen die ersten, die mit einem Auto zu diesem Platz fahren. Als wir ein Stück weiter fahren, können wir schon das Meer sehen. Die Beschreibung von Park4Night hatte nicht zuviel versprochen.

Wir fahren auf den großen Platz, der im Sommer wohl als Badestrand von den Einheimischen besucht wird. Rechts sehen wir das kleine Toilettenhäuschen und vor uns eine offene Überdachung mit Feuerstelle. Die Nacht ist sternenklar und durch die Stadtlichter im Hintergrund, die in den Himmel strahlen, angenehm hell. Kathy fährt einen großen Bogen auf dem Platz und wir richten den Van mit der Schiebetür auf der Beifahrerseite zum Meer hin aus. Als wir aussteigen, hören wir wie die Wellen ganz leicht ans Ufer branden.

Van auf Schnee vor Bucht in Alta

Einen Moment lang stehen wir zusammen vor dem Van und schauen uns um. Rechts und links von uns ragen Klippen ins Wasser und vor uns, am Horizont, sieht man einige Lichter der Stadt auf der anderen Seite. Da wir schon seit zwei Tagen das Bedürfnis nach heißem Glühwein verspürt hatten, haben wir vorgesorgt. Im letzten Supermarkt in Finnland, hatten wir Glühwein eingekauft. Allerdings fällt uns jetzt auf, dass der Glühwein gar keinen Alkohol enthält. Wir stellen ihn trotzdem auf den Gaskocher und runden ihn mit einem Schuss Vodka ab. Da wir wussten, dass es mit dem Alkohol in Skandinavien etwas kompliziert wird, hatten wir eine Flasche für Silvester mitgenommen. Allerdings war jetzt ein ebenso guter Zeitpunkt sie zu öffnen.

Jetzt machen wir den Platz zu unserem Zuhause.

Während Kathy im Van die Frontscheiben abdeckt und die Sachen, die wir nicht brauchen auf die Sitze im Fahrerhaus räumt, hole ich die Stühle aus dem Kofferraum. So wie manche Hotelgäste ihre Liegen mit Handtüchern markieren, ist das Aufstellen der Stühle immer ein geheimer Akt der Machtübernahme. Als ich die Stühle aufklappe fühle ich mich etwas wie Neil Armstrong, als er die amerikanische Flagge in die Mondoberfläche steckt. Leise murmle ich: „Ein kleiner Schritt für mich, aber ein großer…“

Kathy gibt mir die Kerzen aus dem Van. Ich drapiere sie in einem Halbkreis zwei Schritt weit von unseren Stühlen. Der Gaskocher steht in der Mitte und köchelt langsam unseren Glühwein auf Arbeitstemperatur.

Van beleuchtet mit Kerzen und Gaskocher

Während Kathy im Van noch beschäftigt ist, planiere ich sorgfältig unser erobertes Hoheitsgebiet mit den Füßen. Hinter den Kerzen wird ein kleiner Wall gebaut, damit sie vom leichten Wind nicht ausgeblasen werden. Nun noch einen Weg von hier zum Toilettenhäuschen anlegen und fertig ist unser außergewöhnlicher Schlafplatz mit direktem Blick auf’s Meer.

Während wir unseren Glühwein trinken und in den Himmel blicken, läuft im Hintergrund über die Bluetoothbox passende Musik und wir sind überglücklich nun zwei Tage an diesem Platz zu bleiben.

Sind das Nordlichter oder Wolken?

Zugegeben, wir haben schon ein paar Glühwein getrunken und ziemlich gute Laune, als sich am Himmel das wohl bekannteste Phänomen Skandinaviens zu zeigen scheint. Ich hole schnell meine Kamera aus dem Auto und wechsle das Objektiv. Sie wird auf dem Stativ Richtung Meer positioniert und mit Fernauslöser wegen der Langzeitbelichtung angesteuert.

Ich sage es mal so. Wir hatten vorher noch nie Auroren gesehen und uns auch im Vorfeld nicht wirklich damit auseinander gesetzt. Im Schein der Stadt, die sich hinter uns befindet, kann es schon mal vorkommen, dass man vorbeiziehende Wolkenschleier mit Polarlichtern verwechselt. So habe ich nun gut 50 Bilder von den wunderschönen Wolken in Alta bei Nacht auf meiner Kamera.

Du willst wissen, wie es weiter geht und ob wir noch richtige Auroren gesehen haben? Dann verpasse nicht den nächsten Teil unserer Reise mit dem Van über Weihnachten ans Nordkap.

Hast Du schon mal Auroren live gesehen oder an einem fremden Ort bestimmte Sachen gemacht, um Dich zu Hause zu fühlen? Teile uns gerne Deine Erfahrungen mit und schreibe es in die Kommentare.

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