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Kolumne

Wenn die Natur kein Rückzugsort mehr ist.

Wenn die Natur kein Rückzugsort mehr ist.
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Afri

Autor, Blogger, Streamer, Fotograf bei Afrify
100 % sarchotic is er, der liebe Afri. Manchmal auch etwas verwirrt, konzeptlos und will immer zu viele Schritte auf einmal nehmen. Außerdem hat er eigentliche viel zu viel um die Ohren. Trotzdem bemüht er sich regelmäßig ein paar sympathische Artikel im Bereich Fotografie, Reisen und seiner geliebten Kolumne zu veröffentlichen.

"Ich freue mich sehr, wenn Dir meine Artikel gefallen. Natürlich ist die Freude umso größer, wenn Du es schaffst auch noch einen Kommentar zu verfassen. Ich freue mich auf Dein Feedback und konstruktive Kritik."
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Entfremdung ist doch was Positives.

Bis ins 19. Jahrhundert war der Begriff der Entfremdung positiv belegt und bedeutete unter anderem das Lösen vom Weltlichen. Noch im 17. Jahrhundert bezeichnete der französische Philosoph und Mathematiker Blaise Pascal den Menschen als „im unendlichen Weltall kosmisch entfremdet“. All das hatte nichts mit Natur zutun.

Karl Marx verwendete den Begriff in einer weniger philosophisch-christlichen Weise und bezog sich bei Entfremdung auf den Arbeiter, der nicht mehr für sich selbst, sondern als Glied in einer Kette produzierte. Für Marx nahm durch die Entfremdung das Geld eine „durch den Menschen verehrte“ Position ein und gewann somit einen religiösen Stellenwert.

Im 21. Jahrhundert zeigt sich schließlich, welchen Stellenwert und welche Macht Geld gewonnen hat und was Menschen alles bereit sind zu opfern, wenn es um Geld geht. Der Begriff Entfremdung wird aber im heutigen Sprachgebrauch nicht mehr zwangsläufig mit Geld in Verbindung gesetzt, sondern bezieht sich meist auf den Menschen selbst, dem die Natur und natürliche Verhaltensweisen immer fremder werden. Die zunehmende Technisierung, Strukturierung und permanente Erreichbarkeit sind nur einige der Erscheinungen die diese Entwicklung charakterisieren.


Was hat das mit Natur zutun?

frankfurt City weg von der Natur. Der Fotograf aus Gießen wohnt in der Nähe der Metropole.
Frankfurt ist eine Metropole in Hessen

Sieht man sich den Wohnungsmarkt in Großstädten an stellt man schnell fest, dass immer mehr Menschen aus ländlichen Regionen in die Städte umsiedeln. Die Großstadt hat viel zu bieten und meist liegt der Arbeitsplatz, zumindest in Kilometern gerechnet, wesentlich näher an der Stadtwohnung als an einem Zuhause außerhalb. Wer schon mal versucht hat während des Berufsverkehrs vom einen Ende der City ans Andere zu gelangen, weiß dass die zeitliche Ersparnis aber eher ein Minusgeschäft ist.

Trotzdem zieht es immer mehr Menschen in Metropolen oder zumindest in Gebiete, die ein Mehr an Infrastruktur und scheinbarer Lebensqualität bieten. Ganz gleich, ob es der Einkauf nach Feierabend, ein Arztbesuch oder die Freizeitplanung fürs Wochenende betrifft, die Stadt bietet alles auf kleinstem Raum und meist in mehrfacher Ausführung.

Permanenter Konsum und Zuzug haben allerdings auch ihre Schattenseiten. Wohnraum muss geschaffen und die gewerblich genutzten Flächen erschlossen werden. Alleine die Parkplätze eines gewöhnlichen Supermarkts um die Ecke, können schon mal einen kleinen Wald den Kragen kosten. Das Resultat sind immer weniger Flächen für Rückzug und Erholung.

Die Stadt ist also böse und schlecht und…schlecht…und böse?

Böse und schlecht sind sicherlich überspitzte Bezeichnungen für eine Entwicklung die meines Erachtens bedenklich ist. Die Stadt ist die Stadt. Und ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, dass Städte nicht in vielerlei Hinsicht attraktiv sind. Ich mag die Infrastruktur urbaner Gefilde und weiß ebenso die Vorzüge der Einkaufs- und Versorgungsmöglichkeiten zu schätzen. Trotzdem fehlt mir das Landleben.

Ich bin auf einem Dorf aufgewachsen und kenne Natur, wie sie vor 30 Jahren noch war. Sicherlich auch nicht unberührt, aber gerade dort wo ich aufgewachsen bin gab es Wiesen und Wald, die weder für Landwirtschaft noch für Bebauung vorgesehen waren. Heute sieht die Situation selbst auf diesem Dorf anders aus. Der kleine Hügel auf dem ich als Kind im Winter mit dem Schlitten gefahren bin, ist einem Solar-Park gewichen, die Strecke die ich oft mit meiner Familie und dem Hund gegangen bin, einem Neubaugebiet.

Wir nehmen uns den Raum für Erholung und das Entspannen von einem immer stressigeren Alltag. In vielen Städten findet man kaum einen Ort an dem man nur für sich ist. Der Stadtwald ist oft so klein, dass man regelmäßig auf eine Vielzahl anderer Menschen trifft, die ebenfalls auf der Suche nach Erholung sind. Viele mögen das als normal empfinden, aber wer einmal ganz ungestört und einsam durch einen Wald spaziert ist weiß, dass es auch anders geht. Gerade in Ballungsräumen ist es nach meiner Auffassung wichtig auch mal das Alleinsein an der frischen Luft zelebrieren zu können. Dieser Trend setzt sich jedoch fort, bedenkt man dass Städte wachsen und sich ausdehnen müssen, was oftmals auf Kosten der letzten Grünflächen geschieht.

Auf dem Land ist hingegen weniger das Wachstum ein Problem. Vielmehr ist es der Drang, mit günstigen Grundstückspreisen Industrie und Gewerbe anzulocken, um die Region für Anwohner nachhaltig attraktiv zu gestalten und Arbeitsplätze zu schaffen. Sicherlich ist dieses Vorgehen verständlich und vielleicht sogar notwendig, belegen doch die Zahlen der Migrationen vom Land in die Stadt, dass die Gemeinden reagieren müssen um ein Aussterben zu verhindern. Aber viel entscheidender ist wohl die Frage, ob man alles auf Kosten des natürlichen Raums umsetzen sollte. Und dort, wo man keine solche Maßnahme ergreift überlegt man sich die flächendeckende Bebauung mit Windkraftparks unter dem Aushängeschild der Nachhaltigkeit und des Umweltschutzes. Wie gerne würde ich zu diesem Thema auch ein Fass aufmachen, allerdings würde es den Rahmen des Artikels sprengen, weshalb wir es einfach so stehen lassen. Hierzu wird es aber gewiss einen eigenen Beitrag geben.

Ein paar Kilometer außerhalb der Stadt ist alles grün.

Wald außerhalb der Stadt. Der Fotograf aus Gießen sucht oft Locations für Shootings in der Natur.

Ja es ist grün und irgendwie fühlt es sich zumindest stellenweise auch wie Natur an. Allerdings sind die meisten Felder und Wiesen die man sieht Nutzflächen, oder wie schon zuvor angesprochen mit einem Windpark bebaut. Da für viele Nutzflächen die zum Anbau von Futtermittel benötigt werden natürlich auch Wälder weichen müssen, ist diese Entwicklung zusätzlich besorgniserregend. Die spezielle Bezeichnung dieser Urbarmachung heißt Entwaldung. So ist seit der Mensch sesshaft wurde rund die hälfte des Wald unserer Erde verschwunden. Hauptursachen sind die Ausbreitung von Siedlungen, die Ausweitung von Nutzflächen zur Ernährung der Bevölkerung und die Nutzung des fossilen Brennstoffes Holz. Wissenschaftler behaupten, dass Deutschland ohne menschlichen Einfluss annähernd vollständig bewaldet wäre. Wir liegen derzeit bei ca. einem drittel der ursprünglichen Waldflächen. Hätte man nicht im 19. Jahrhundert Notbremse gezogen und erkannt, dass es ganz sinnvoll sein könnte noch etwas Holz auf Reserve zu haben, könnte es überall wie auf den Heideflächen in Norddeutschland aussehen. Diese haben sich von der schonungslosen Entwaldung die im 17. Jahrhundert los schlug und sich bis ins 19. Jahrhundert zog, nie erholt. Irreversibel nennt man das und es bedeutet so viel wie…kaputt.

Auch wenn wir in Europa mit rund 31% bewaldeter Fläche im Weltvergleich noch relativ gut da stehen, bedenkt man Regionen der Erde, deren Holz oder Ressourcen sehr begehrt sind, unser Raum für Rückzug, Erholung und Durchatmen schrumpft.

Ich habe sogar einen Wald vor meiner Haustür, ich schicke Dir ein Bild! #naturpur

Vermutlich haben das einige Menschen. Die Natur vor der Haustür und das ist zumindest für jemanden, der in der Stadt an einer Hauptstraße lebt und dessen Vogelgezwitscher der Lärm der einfliegenden Hubschrauber ist, schon wirklich beneidenswert. Allerdings ist das was Du da siehst kein Wald im eigentlichen Sinne. Also es ist schon ein Wald, aber mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit ist es ein bewirtschafteter oder sogar wirtschaftlich genutzter Wald. Was mit solchen Wäldern passiert, konnte man sehr schön in der Zeit sehen, als Heizöl teuer und das Holz als Alternative extrem reizvoll war. Egal wo man im Wald lang lief, überall traf man auf Menschen die freudestrahlend über ihr gespartes Geld bei der Heizkostenabrechnung einen Anhänger mit Holzstücken beluden. Hier und da sah man ganze Familien. Der Vater die Kettensäge schwingend und die Frau mit Kinder ihre Beute aufladend. Überall waren die Reste gefällter Bäume und auseinander geschnittener Holzstämme zu sehen. 

Tatsächlich sind aber auch die bewirtschafteten Wälder ein schöner Erholungsort, solange sie nicht von den Besitzern für die Wirtschaftlichkeit ausgebeutet werden. Ein Problem entsteht allerdings in Verbindung mit eben dieser Bewirtschaftung. Es müssen Wege her. Und genau hier befinden wir uns bei einem kritischen Punkt, der sogar im Moment recht lautstark in den Medien diskutiert wird. Wie viel Wirtschaftsweg ist notwendig und wie schadet es unseren Wäldern?

gerodeter Wald. Der Fotograf aus Gießen bemerkt auch den Rückzug der Natur.

Im Grunde nichts Neues? 

Die ganzen Themen Natur und Naturschutz sind ja im Grunde nichts Neues. Das ist auch der Grund, warum dieser Artikel keinen wirklichen Schluss zulässt, außer „Wir sollten den Lebensraum den wir haben achten.“

Da aber dieses Thema von Politik und Medien so enorm ausgeschlachtet wurde, hier schaut man wieder auf Windparks, die alles andere als Naturschutz bedeuten, können die Meisten das Thema nicht mehr hören. Bio hier, Verschwendung von Lebensmitteln dort, Tierschutz, Massenkonsum, vegane Ernährung und was es nicht alles sonst noch gibt. Obwohl unsere Gesellschaft sich um diese Themen sorgt und wir in diesem Bereich so fortschrittlich sind wie nie zuvor in unserer Zeit, weiß man gar nicht wo man zuerst anpacken soll, um den Trend zu immer größeren Gewinnen in der Wirtschaft, zum Expandieren in Ballungsgebieten und bei der Versorgung einer wachsenden Bevölkerung  aufzuhalten oder zumindest etwas zu bremsen.

Für mich war dieser Artikel eine kleine Auseinandersetzung mit dem was ich in unserem Stadtwald gesehen habe. Der Winter steht vor der Tür und offensichtlich hat der Besitzer eines Grundstücks im Stadtwald seine Fläche abgeholzt um es in seinem Ofen zu verfeuern. Eine sehr schöne Location für ein Shooting, da es schon sehr speziell wirkt wie die ganzen Stümpfe und toten Äste auf einem großen Feld liegen wo mal Bäume standen. Trotzdem eine aus meiner Sicht besorgniserregende Entwicklung.

Hast Du ähnliche Erfahrungen in Deiner Umgebung oder siehst Du diese Entwicklung anders? Schreib es gerne in die Kommentare.

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100 % sarchotic is er, der liebe Afri. Manchmal auch etwas verwirrt, konzeptlos und will immer zu viele Schritte auf einmal nehmen. Außerdem hat er eigentliche viel zu viel um die Ohren. Trotzdem bemüht er sich regelmäßig ein paar sympathische Artikel im Bereich Fotografie, Reisen und seiner geliebten Kolumne zu veröffentlichen. "Ich freue mich sehr, wenn Dir meine Artikel gefallen. Natürlich ist die Freude umso größer, wenn Du es schaffst auch noch einen Kommentar zu verfassen. Ich freue mich auf Dein Feedback und konstruktive Kritik."
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